Bund-Essay-Wettbewerb «Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn.»
Warum man sich von einem Tag auf den anderen auf die Sinnessuche macht. Warum das so schmerzhaft ist. Warum das früher ganz anders war. Und warum all das einer Revolution gleicht. Von Flurin Jecker
Man sieht die anderen. Die glauben an Gott oder an Jesus oder an die heilige Mutter Maria und tragen ihren Glauben wie ein kostbares Porzellanfigürchen mit sich herum: vorsichtig, andächtig, ehrfürchtig. Man sieht sie jeden Tag, im Bus, im Coop oder spazierend an der Aare, und denkt, wie befreiend es doch wäre, denen zu zeigen, dass doch das Leben selbst das Kostbarste ist. Kein Gott, kein Jesus und kein heiliger Geist, sondern die unmittelbare Summe des Gefühlten, Getanen und gedachten Seins: Das Leben eben.
Man kennt sie und respektiert sie – seit Jahren. Schliesslich ist man tolerant, «leben und leben lassen» ist die Devise. Darum lässt man sie vor sich hinleben und beten und glauben, dass sie erlöst sind oder dass alles einen von Gott gegebenen Sinn hat; und lässt sie in die Kirche gehen; und lässt sie danken fürs tägliche Brot, (was, wie man zugeben muss, eine durchaus anzustrebende Tugend ist); oder lässt sie Mitleid haben, mit einem selbst, der, wie sie denken, schliesslich in der Hölle mit ewiger Pein bestraft werden wird. Ja, man lässt sie ihr Porzellanfigürchen hegen und pflegen und schweigt solange, bis der Tag kommt, an dem man sich nicht mehr zurückhalten kann – und ihnen das eigene, nie geliebte Figürchen schallend vor die Füsse knallt. Als Demonstration. Weil man genug hat von der christlichen Scheinheiligkeit. Weil man genug hat von der Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, Andersglaubenden und Anderslebenden. Und weil man endgültig genug hat vom blinden Glauben an Gott.
Darum lässt man den eigenen christlichen Glauben vor ihren Augen auf dem Boden zerschellen, schaut den Leuten ins Gesicht und geniesst die Empörung; man geniesst die verdatterten Gesichter, die auf den vor ihnen liegenden Scherbenhaufen äugeln – und feiert die eigene Insensibilität.
Dann kommt die Leere.
Nicht etwa, weil man die Tat, das Zerbersten des eigenen Porzellanfigürchens, bereuen würde. Auch nicht – und das nicht mal Ansatzweise – weil einem die Zeugen dieser scheinbaren Glaubenstragödie leidtun würden. (Man wollte ja nur Gutes; ihnen sagen: «Tragt Sorge zu euch anstatt zu zerbrechlichen Ersatzreliquien und geniesst endlich das Leben – vor dem Tod.») Nein; die Leere ist ganz anderen Ursprungs. Sie kommt, weil man keine Ahnung hat, was denn nun übrig bleibt, seit das Figürchen zerstört am Boden liegt. Auch wenn man erahnte oder wusste, dass man etwas anderes hat; sich nicht vom Glauben – von Gott, dem Licht – blenden liesse; sich voller Stolz den Herausforderungen, den Hürden des Lebens, stellen würde, ohne Flucht, ohne falsche Hoffnung; sich mit allem unmittelbar auseinandersetzen würde, was auch immer auf einen zukäme; trotz dessen steht man nun mit leeren Händen da und fragt sich, was denn nun das Andere sein soll, was man zu haben meinte.
Man hat das Porzellanfigürchen das Leben lang besessen – man wuchs ja nicht glaubenslos auf, und wenn es nur der Glaube an den Samichlaus war – und dennoch wird einem erst klar, was die Entscheidung, den Glauben endgültig am Boden zerbersten zu lassen, bedeutet, wenn es wirklich getan, das Figürchen kaputt, ist. Nämlich, dass eine lange und ungeheuer mühselige Suche auf einen wartet.
Die brennenden Fragen
Man hatte gewisse Fragen lange im Hinterkopf und wusste, dass man sich damit irgendwann beschäftigen muss. Doch mehr als abgedroschene Floskeln – wie die Frage nach dem Sinn des Lebens oder dem Leben nach dem Tod – waren es nicht. Man hätte noch Zeit, man wäre noch jung, sagte man sich; was die brennenden Fragen lange zu stillen vermochte. Bis ebendieser Tag kam, als man endlich forciert wurde, hinzuhören und diesen Fragen Platz zu gewähren. Oder eher: man sich selber forcierte – ganz unverhofft. So überlegt man sich, warum gerade an diesem Tag der Zeitpunkt gekommen ist, an dem das Brennen zu stark, die Fragen zu mächtig geworden sind, um sie noch weiter ignorieren zu können. Doch dem langen Nachdenken wird ebenso schnell ein Ende bereitet, wie der in der Luft fallenden Porzellanfigur. Denn auch man selbst befindet sich im freien Fall, solange keine Ansätze da sind, den Antworten auf die Spur zu kommen. Also heisst es, sich dann eben dieser Auseinandersetzung zu stellen, die man sich mit aufgeblasener Brust auf die Fahne geschrieben hat – und auf die genannte Suche zu gehen.
Während man los reist, zur Suche aufbricht, fragt man sich, was man eigentlich sucht. Und bemerkt, dass man nicht einmal weiss, ob es überhaupt etwas zu finden gibt, geschweige denn, wo man mit Suchen beginnen soll. So erscheint es einem, wie die müssige Suche nach einem Osternest, das vielleicht gar nie versteckt wurde. «Dann lieber die Nadel im Heuhaufen», sagt man sich, «lieber die Suche nach dem goldenen Korn im Reisfeld», als die kräftezehrende Suche nach unvorstellbaren, vielleicht unauffindbaren Antworten. Diese Tatsache, dass man keine Vorstellung über die Fundstücke hat, stellt die grösste Anstrengung der Reise dar. Wenn man nämlich nicht weiss, was man wo suchen soll, weiss man auch nicht, wann man nicht suchen muss, sondern verschnaufen kann: leben. Die Folge ist eine Unruhe, eine Wachsamkeit, die einem je länger je mehr erschöpft, bis man eines Tages hilflos zusammensinkt und nach Unterstützung schreit. Unterstützung, deren Form man am ebenbeschriebenen Tag am Boden zerklirren liess; Unterstützung, die man verstossen hat – und man darum alleine dasteht. Helfen kann man nur noch sich selbst; da man seit dem besagten Tag sein eigener Richter und sein eigener Henker ist. Und niemand, ausser man selbst, ist schuld daran. Das ist die schmerzhafteste aller Erkenntnisse der Sinnessuche.
Die diktierten Antworten
Früher, als man noch glaubte, Gott noch lebte, wurde einem diese ermüdende philosophische Suche erspart. Beim Heurechen auf dem Feld musste man nicht darüber nachdenken, warum man das überhaupt tat: Um im Winter etwas übrig zu haben. Oder warum man lebte: Weil Gott einem das Leben geschenkt hatte. Das wussten alle, und zwar von Geburt an. Schon Kleinkinder, mit Sprachfehler und Sabberlatz, mussten Gottes Warmherzigkeit zu schätzen und zu danken wissen: «Danke Gott für Speis und Trank!» Doch so wie gedankt, wurde auch gehofft: «Lass Ida gesunden, lieber Gott!» Und auch wenn man sich Monate später an Idas Beerdigung wiedertraf – «Lass Ida in Frieden ruhen.» – starb die Hoffnung nie. Da konnte noch so viel Leid über die Familie und Hagel über die Felder kommen: Gott war gut und gütig und daran zu rütteln eine Todsünde. Diesem Grundsatz war er auch dankbar, der liebe Gott; indem er Einlass am Himmelstor gewährte, was ja schliesslich das fremderklärte, in die Wiege gelegte Ziel, war. Darum gehorchte man.
Diese programmierte, blinde Dankbarkeit hielt sich hartnäckig, wie Harz unter dem Daumennagel. Und zwar aus einem schlichten Hauptgrund: Dass Menschen einen Sinn brauchen. Wenn es denn einen gäbe, dann hätten wohl Tiere, Pflanzen, ja alle Lebewesen denselben einen Lebenssinn, doch weil nur der Mensch das Pech hat, sich zumindest gewissen Sachen bewusst zu sein, macht sich auch nur dieser verrückt darum. Den Sinn des Lebens biologisch zu betrachten, nämlich, dass sich alles um das Fortbestehen der Art dreht, ist den Menschen zu unromantisch. Dass somit früher die Idee, das Leben als Prüfung Gottes zu sehen, um bei erfolgreichem Abschluss im Paradies zu enden, Balsam für die Seele war, überrascht darum wenig. So wurde in unseren Breitengraden auch fast jede und jeder damit einbalsamiert. Und weil es einem verboten war, nur einen flüchtigen Gedanken dafür zu verschwenden, diese Idee zu hinterfragen, hielt sie sich zwei Jahrtausende – was die Richtigkeit dieser Idee nochmals unantastbarer machte.
Die geistige Revolution
Gott war allgegenwärtig – also auch in den Köpfen! Demnach brauchte man früher fast Heldenmut, um atheistisch nach einem anderen Lebenssinn zu suchen, oder noch blasphemischer, einfach vor sich hin zu leben. (Er hätte einen schliesslich mit Tod und Verderben bestrafen können, wenn es ihn denn gegeben hätte, den lieben Gott.) Dass es somit heute überhaupt eine bemerkbare Menge an Atheisten gibt, könnte man als achtes Weltwunder betrachten. Trotzdem blieben es sieben. Ein Grund dafür ist wohl, dass philosophische Ereignisse seit jeher nur mässige Begeisterung ausgelöst haben. So herrschte schon immer eine gewisse Missachtung gegenüber der Emanzipation der einst christlichen Welt von Gott. (Es wurden und werden lieber Bauten, Schlachten und Siege geehrt, die ja ihrerseits häufig ebenfalls im Namen Gottes gebaut oder geschlagen wurden.) Dennoch kann man den Terminus der Emanzipation oder gar geistigen Revolution kaum nichtig reden. Der Diktator wurde schliesslich gestürzt. Gott ist tot. Daran gibt es nichts zu rütteln; zumindest im Westen. Ostern ist ein Schoggi-Business, gefastet wird nur noch mit «Weight Watchers» und Weihnachten ist eher die Beerdigung eines Wochengehalts, als die Geburt Jesu. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Die geistige Anarchie
Doch wie bei jeder Revolution kommt nach dem Fest – an dem der Gestürzte geköpft, mit Pech und Federn durchs Dorf gejagt oder schlicht erschossen wurde – der Kater. Es wird gezankt, geschrien und geprügelt wie eben zuvor; denn ohne blutigen Zusammenbruch Machtlücken zu ersetzen, bedarf guten Pfeilern, also starken Menschen. Diese zu finden oder sich selbst als einen solchen zu erfinden, ist schwierig – zumindest schwieriger als ein Amen in der Kirche. Doch daran hat während der Revolution natürlich niemand gedacht. Somit kommt es zur vorübergehenden Anarchie. Man hat sich von den Fängen und Zwängen der herrschenden Autorität befreit und steht nun ohne Regeln und Gesetze da, in einem durch Grenzenlosigkeit ausgelöstem Chaos. Und das macht Angst.
Auch man selbst hat beim Zerstören des Porzellanfigürchens nicht an die Folgen gedacht.
Doch kaum waren die wippenden Porzellanscherben zum Stillstand gekommen und die flüchtigen Gefühle des Stolzes verflogen, hielt man inne – und kratzte sich am Hinterkopf. Dann kam es zum freien Fall, zur geistigen Anarchie. Denn auch da kannte man plötzlich die eigenen Grenzen nicht mehr, auch da war man überfordert mit den schier unendlichen Möglichkeiten, mit der plötzlich erlangten Freiheit, und auch da dominierte deshalb ein Gefühl von Angst. Und darum machte man sich fast panisch auf die beschriebene Suche. Die Suche nach Grenzen, die man haben muss und Freiheiten, die man haben will; und Antworten. Warum man existiert, wo man hin will, wie man dorthin gelangt, oder: Wie die Wahrheit aussieht.
Während dieser Suche wird einem klar, dass es das Richtige war, die Revolution zu starten und das Porzellanfigürchen am Boden zerschellen zu lassen. Doch gleichzeitig bemerkt man, dass die gewonnene Freiheit seinen Preis abverlangt, und zwar jeden Tag – und dass man den alleine berappen muss. Um Gnade bitten kann man keinen Gott mehr, sondern nur noch sich selbst. Und das ist ein schier aussichtsloses Unterfangen. (Die Würde ist da eine zu dominante Diva.) Darum gilt es nun einzulösen, auf was man immer stolz war: dass man sich stets beherzt mit den Herausforderungen des Lebens auseinandersetzen würde. Das heisst, dass man sich aufmachen muss, das Zerstörte ersetzen und ein alternatives System suchen muss. Und zwar so schnell wie möglich. Die Anarchie ist zu unsicher und zu unruhig, um lange zu hadern. Darum gilt es ein Grundgemäuer zu errichten. Als Basis. Mauern, denen man vertrauen kann. Mauern, auf denen man in Ruhe bauen kann. So errichtet man auf dem Schutt des Alten, sein neues, eigenes Gefängnis; Stein für Stein. Um in den überfordernden Weiten der Gedankenwelt nicht verrückt zu werden. Wie das Gemäuer genau aussehen, wie hoch und stabil, es sein soll, wie viele Gucklöcher und offene Tore eingebaut werden sollen, und wie endgültig oder eben dynamisch das Gefängnis schliesslich stehen soll, gilt es herauszufinden. Ein Leben lang. Das ist das Osternest, welches es zu suchen, die Nadel im Heuhaufen, welche es zu finden gibt. Und vielleicht, wenn es den einen oder die andere beruhigen mag, ist ja das der Sinn, warum wir leben, bevor wir sterben.
Gefällt mir:
Sei der Erste, dem diese(r) Artikel gefällt.